Bergsteigen in Indien


Dieser Beitrag wurde von am 22. Okt 14, 16:36 unter Bergsteigen & Expedition & Hochtouren abgelegt.

Gastbeitrag von Sarah Appelt

Ich weiß, Bergsteigen ist nicht das Erste, was einem einfällt, wenn man an Indien denkt! Dabei vergisst man leicht, dass ein kleiner und noch weites gehend unbekannter Teil des Himalayas in Indien liegt. Hier gibt es Gipfel für Jedermann: Leichte Sechstausender für Anfänger und unzählige noch nicht bestiegene Berge zwischen sechstausend und achttausend Metern.

Hinzu kommt, dass Indien immer noch ein sehr günstiges Reiseland ist und das hat natürlich auch seine Gültigkeit im Bergsport! Trotz des relativ günstigen Preises für eine Gipfelbesteigung ist die Ausrüstung gut und die Bergführer, die alle ihre Ausbildungen in den renommierten Bergsteiger- Instituten in Indien erhalten haben, professionell!

Nun zu meiner eigenen Expedition auf den Hanuman Tibba: Ich selbst habe noch nie zuvor einen Berg bestiegen. Zwar habe ich schon an unzähligen Trekkingtouren teilgenommen und schon seit frühester Kindheit Bergsteiger-Bücher gelesen, doch bis auf meine einmonatige Bergsteigerausbildung in Indien, hatte ich noch keine weiteren Berührungen mit Eispickel, Steigeisen und Co.

Doch nun bot mir ein befreundeter Bergführer an, ihn auf seiner Expedition zum 5932 Meter hohen Hanuman Tibba zu begleiten! Natürlich sagte ich zu!

Der Gipfel des Hanuman Tibbas

Der Hanuman Tibba ist ein technisch anspruchsvoller Gipfel, der an der Grenze der Täler Kullu und Chamba im Bundesstaat Himachal Pradesh gelegen ist. Vom Ausgangsort Manali (hier lebe ich die meiste Zeit des Jahres über), ist es nur eine einstündige Autofahrt, bis zum Ausgangspunkt der Tour.

Hanuman Tibba

Manali selbst ist auf 2000 Meter gelegen und in mit dem Übernachtbus von Delhi in 14 Stunden erreichbar.

Der Hanuman Tibba ist der höchste Berg der Dauladhar Gebirgskette. Er hat seinem Namen von dem Affengott Hanuman, aufgrund seiner buckeligen Gestalt und seiner orangen Farbe.

Vorbereitung der Expedition

Insgesamt waren wir fünf Teilnehmer, bestehend aus einem Kunden aus Delhi, zwei Bergführer, sowie eines weiteren befreundeten Bergsteigers und mich. Zum Base Camp sollten uns zwei Träger begleiten, vom Base Camp aus würden wir im alpinen Stil weiter machen.

Ich hatte natürlich keine Ausrüstung, also musste ich mir meine Schuhe, Steigeisen und Eisaxt ausleihen, was in Manali relativ unproblematisch funktioniert. Ein wenig mehr interessant waren die Einkäufe für unseren Proviant. In Indien gibt es keine fertigen “Bergsteiger-Speisen“, doch da wir alles selber tragen würden, wollten wir so leicht, wie möglich kaufen. Letzten Endes hatten wir eine riesen große Auswahl an Schokoriegeln, drei Kilo Nüsse, die beliebten Maggi-Nudeln, Couscous, sowie einige indische Fertiggerichte in unserem Korb. Hinzu kamen Müsli, Milchpulver und Haferflocken für das Frühstück.

Start der Expedition

Ich war ziemlich nervös, unternahm ich dieses Abenteuer doch mit vier ausgewachsen kräftigen Männern, die, bis auf den Kunden, erfahrene Bergsteiger waren. Da ich selbst nur als „Freund“ mit kam, wollte ich mir keine Fehler und Schwächen erlauben!

Nach der einstündigen Autofahrt nach Dundhi, zum Ausgangspunkt unserer Expedition, starteten wir mit einer leichten fünfstündigen Wanderung zum Base Camp am Beaskund See.

Es ging über grüne Wiesen, kleine Bäche und den großen Felsen einer Gletschermoräne bis wir unser Lager am heiligen Beaskund See erreichten.

Der Blick war grandios. Wir waren schon auf 3600 Meter und die mächtigen Gipfeln der „7 Schwestern, des Hanuman Tibbas und des Shittidars umrahmten unser Camp. Der heilige Beaskund See trug sein übriges zur wunderschönen Landschaft bei. Aus hinduistischen Gründen war es mir als Frau nicht erlaubt, mich dem See zu nähern. Allerdings war ich sowieso etwas erschöpft und wollte diesmal keine Diskussion über die Benachteiligungen der Frauen in Indien starten. Zwar war ich durch meine vorherigen Treks gut an die Höhe angepasst und auch ziemlich Fit, jedoch war das hohe Gewicht auf meinem Rücken doch etwas ungewohnt.

Akklimatisation und Testen der Ausrüstung

Da unser Kunde aus Delhi noch nicht an die Höhe gewöhnt war, nutzten wir den zweiten Tag um schon einmal unsere Verpflegung und ein Teil der Ausrüstung hoch zum nächsten Lager auf 4500 Meter zu bringen.

Gleichzeitig trugen wir unsere Bergschuhe und mussten uns erst einmal daran gewöhnen, in den harten Plastikschuhen steil bergauf durch Schneefelder und über Geröll-Moränen zu wandern.

Auch durften wir uns schon einmal an unsere Mittagsration gewöhnen: Einen Schokoriegel!

Nachdem wir unser Gepäck sicher verstaut hatten, ging es wieder zurück zum Base Camp.

Die Expedition

Die nächsten Tage waren spannend und sehr aufregend für mich. Zunächst ging es natürlich erst einmal wieder hoch zum Camp 1. Den Tag darauf starteten wir zeitig. Nach einer ordentlichen Portion Müsli, musste das Gepäck neu verteilt werden und ich hatte mit meinen 20 kg auf dem Rücken ganz schön zutun. Nun begann auch das wirkliche Klettern: Wir schnürten uns unsere Steigeisen und Klettergurte an, die Helme wurden aufgesetzt. Während unsere Bergführer lediglich mit ihren Steigeisen die 70 bis 80 Grad steile Schneewand aufstiegen, wurden für mich und unseren Kunden Seile befestigt an denen wir uns mit Hilfe eines Jumars hochzogen. Knapp nach der Hälfte des Aufstiegs zum 5000 Meter hohen Tentu Pass, verschwand der Schnee und wir stiegen ein enges Tal, bestehend aus losem Geröll, hinauf. Wiederum war das Seil eine große Hilfe und meine Arme schmerzten, als wir endlich oben auf dem Pass standen. Von hier erstreckte sich der flache Raigard Gletscher vor unseren Augen. Über uns ragte nun der Hanuman Tibba in seiner ganzen Pracht hervor: Immer noch weitere Tausend Meter über uns!  Bergsteigen in Indien

Zu unserer Freude fanden wir in unserem nächsten Camp Überbleibsel  von einer anderen Expeditionsgruppe. Neben Reis, Kartoffel, Zwiebeln und eingelegtem Gemüse, fanden wir sogar Kerosin! So hatten wir ein leckeres Festmahl, nachdem wir an dem Abend zuvor, den Couscous eher weniger genossen hatten.

Die Enttäuschung

Ich war froh,, als ich hörte, dass wir heute die Ausrüstung nicht benötigen würden und freute mich auf einen Trekkingtag!

Doch wie sehr ich mich täuschte! Da wir die Expedition so spät im Jahr machten, war der Gletscher vom Schnee befreit und es ging über eine felsige Moräne, die mir schwer zu schaffen machte!

Das hohe Gewicht auf meinem Rücken brachte mich sowieso schon aus dem Gleichgewicht und nun musste ich von Fels zu Fels springen!

Ich war so auf mich konzentriert, dass ich ganz plötzlich mitbekam, dass unser Kunde nicht mehr weiter, sondern umdrehen wollte! Ich konnte es nicht fassen: Wir waren einen Tag vom Gipfel entfernt, alle waren vollkommen gesund und das Wetter war einfach perfekt!

Doch unser Kunde hatte Heimweh, fühlte sich nachts im Zelt nicht wohl und wollte nur noch nach hause!

Was konnten wir tun, der Kunde war König, also drehten wir auf der Hälfte des Tagesmarsches um. Ich war so enttäuscht, sah ich doch die ganze Zeit vor meinen Augen den hohen Gipfel!

Dennoch wusste ich, dass ich mich glücklich schätzen durfte, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich hatte soviel Neues erlebt und gelernt, hatte das erste Mal Kletterausrüstung benutzen dürfen, gespürt, was es bedeutet 20 kg zu tragen und erfahren, was eine Expedition ist.

Die Rückkehr

Der letzte Tag war lang und anstrengend. Der Kunde wollte so schnell wie möglich zurück, also erreichten wir noch am gleichen Tag Manali. Zunächst mussten wir uns vom Pass abseilen, was wieder eine große Erfahrung für mich wurde. Dann führte uns ein langer Pfad hinab zurück am Beaskund See vorbei nach Dundhi.

Es war ein Gewaltmarsch, doch waren wir glücklich, alle gesund und munter Manali erreicht zu haben. Eine Bergbesteigung, wenn auch nur der Versuch, ist stellt immer ein Risiko dar uns so waren wir glücklich im Restaurant sitzen zu dürfen und Pizza essen zu können!

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